Friedemann Stolte: »be'er mayim«

regentrude.sonanzen II
trio für sopran & akkordeon & noch zu besetzenden part

Im »Brunnen« (hebr. »be’er mayim«: Wasserbrunnen) besteht der Berührungspunkt zwischen den assoziativ verbundenen Textebenen der »Regentrude« (T. Storm) und Zeilen aus dem Buch Genesis, die im musikalischen Miteinander zu einer übergreifenden Sprachlichkeit finden.

In „well“ (Hebrew „be’er mayim“: water well) there is the connecting point between the associatively linked text levels of „Regentrude“ (T. Storm) and lines from the Book of Genesis, which find an overarching language in the musical togetherness.

Darin spiegeln sich bedrängende Fragen des Klimawandels: Das Märchen der Regentrude beschreibt die tödliche Dürre und den Weg, den die Menschen finden müssen, um die selbst gemachten Probleme lösen zu können.
Hörbar wird die Regentrude als traumartig-symbolische, innere Figur in Empfindungen und Fragen, die unsere sind an uns selbst. Wer in uns ist es, mit dem die Regentrude redet, und wer antwortet ihr? Ähnlich sehe ich die Brunnenszenen der Genesis: Was geschieht da eigentlich, wenn man sie als inneren Vorgang liest?
Im Empfinden für diese Fragen entstanden musikalische Figuren, die sich verknüpfen, verwandeln, verfestigen oder verflüssigen, die Stimmen und die Farben wechseln. Mit einem Wort, es entsteht eine musikalische Sprache, die vor allem dies möchte: zunächst hinhören.

This reflects the pressing questions of climate change: the fairy tale of the Regentrude describes the deadly drought and the path that people must find in order to be able to solve the problems they have created themselves.
Audible becomes the Regentrude as a dreamlike-symbolic, inner figure in sensations and questions, which are ours to ourselves. Who in us is it that the Regentrude is talking to, and who is answering her? I regard the well scenes of Genesis in a similar way: what actually happens there if one reads them as an inner process?
Sensing these questions, musical figures emerged that connect, transform, solidify or liquefy, the voices and the colors change. In one word, a musical language emerges that above all wants this: to listen first.

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Text der Komposition
Theodor Storm: Die Regentrude
Buch Genesis. Übersetzung: Friedemann Stolte

»Stürzt denn der Quell nicht mehr?« 
»Kreist denn mein Vogel nicht mehr über dem See?« …

“Does the spring no longer fall?“
“Does my bird no longer circle over the lake?“

ותרא באר מים ותלך
und sie sah einen Wasserbrunnen und sie ging hin

and she saw a well of water and she went to it

»Weh!« 
»So ist es hohe Zeit« 

„Woe!“
„So it is high time“

ותרד העינה ותמלא כדה ותעל
und sie stieg hinab zur Quelle und füllte ihren Krug und kam wieder herauf

and she descended to the spring and filled her jug and came up again

»vergiß nicht den Krug«
»erst … den Brunnen aufschließen«
»Schreite hindurch!« 
„Mut!“  
„Schließe die Augen“ 

„don’t forget the jug“
„first … open the well“
„Walk through it!“
„Courage!“
„Close your eyes“

וימצאו-שׁם באר מים חיים
und sie fanden dort einen LebensWasserBrunnen 

and they found there a well of water of life

»Nun!« 
»Wie gefällt dir das?«  
»Wer ich bin?«
„Und wer sollte ich denn anders sein?“

„Well!“
„How do you like that?“
„Who am I?“
„And who else might I be?“

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Wie schon andere Stücke zuvor, hat auch dieses Stück einen hebräischen Titel. Warum hebräisch – zumal in der Kombination mit „regentrude.sonanzen“?

Als ich anfing, mehr über die Herkunft vom jüdischen Teil meiner Familie wissen und verstehen zu wollen, hat die hebräische Sprache mir eine neue Dimension kulturellen und theologischen Verstehens eröffnet. Auch musikalisch und kompositorisch fand ich es höchst interessant, wie die hebräische Sprache funktioniert und denkt.

Für die nun entstandene neue Komposition habe ich mich erneut der Thematik der Regentrude (»mayim« – dt. ‚Wasser‘) zugewandt, weil mich die Problematik der Klimakrise bedrängt und beschäftigt. Den ausgewählten Textstellen aus dem Kunstmärchen Theodor Storms habe ich Stellen aus dem Buch Genesis hinzugefügt, die ebenfalls mit einem Brunnen (hebr. »be’er«) zu tun haben. So ist eine zweisprachige Textfassung enstanden, die für mich im sprachlich-musikalischen Prozess des Komponierens – als Entwickeln eines übergreifenden Sprechens – immer interessanter geworden ist.

Außerdem ist mir meine eigene Intention klarer geworden: Die Metapher des Brunnens bei der Regentrude, dort bereits abhängig von der Mitwirkung durch Menschen, wird durch die biblischen Textstellen in den Kontext eines ewigen Versprechens gestellt: Wasser. Es geht mir mit dem Stück zur Regentrude nicht um ein deutsches Märchen, so gesellschaftskritisch es schon bei Storm erscheint, es geht mir um die Frage der Kontinuität des Lebens und unseren Anteil daran.

So lag es nahe, auch im Titel Hebräisch zu verwenden und so auf beide Textebenen zu verweisen, auch wenn das zunächst Fragezeichen aufwerfen würde.

Mehr darüber gibt es hier

»be’er mayim«

regentrude.sonanzen II
trio for soprano & accordion & part still to be cast

Like other pieces before it, this piece also has a Hebrew title. Why Hebrew – especially in combination with „regentrude.sonanzen“?

When I began to want to know and understand more about the origins of the Jewish part of my family, the Hebrew language opened up a new dimension of cultural and theological understanding for me. Musically and compositionally, I also found it highly interesting how the Hebrew language works and thinks.

For the new composition I have now created, I have once again turned to the theme of the rain woman („mayim“ – Engl. ‚water‘), because I am concerned and preoccupied with the problems of the climate crisis. I have added passages from the Book of Genesis to the selected passages from Theodor Storm’s art fairy tale, which also have to do with a well (Hebrew „be’er“). The result is a bilingual text version that has become increasingly interesting for me in the linguistic-musical process of composing – as the development of an overarching way of speaking.

Furthermore, my own intention has become clearer to me: The metaphor of the well at the »Regentrude«, there already dependent on human participation, is placed by the biblical passages in the context of an eternal promise: Water. With the piece on the Regentrude, I am not concerned with a German fairy tale, as society-critical as it already appears in Storm’s work, I am concerned with the question of the continuity of life and our contribution to it.

So it made sense to use Hebrew in the title as well and thus refer to both text levels, even if that would initially raise question marks.

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