Friedemann Stolte: title annotations

Der Titel ist ein einfaches Wort und bringt doch schon ein Bündel Fragen mit sich. Warum nicht einfach „Sprachen“?

The title is a simple word and yet already brings with it a bundle of questions. Why isn’t it just called „Sprachen“?

In der Beschäftigung mit „languages“ ist mir ein Widerspruch immer interessanter geworden. Es ist ein paradoxes Verhältnis zwischen der Nähe zur eigenen Sprache, einer Annäherung an faszinierendes Fremdes in anderen Sprachen und einem Dazwischen, das in der Vielsprachigkeit entsteht.

Worin besteht der Unterschied zwischen „Sprachen“ und „languages“? Für mich sind „languages“ ein Wort aus einer sogenannten Fremdsprache. Aber ist sie das, eine Fremd-Sprache, wenn ich mich ihrer bediene, um etwas auszudrücken? Ich nutze es, um – vom Plural abgesehen – schon allein durch das nicht verwendete deutsche Wort zu sagen: es geht um Mehrsprachigkeit.

Mich begleitet schon länger ganz praktisch eine Frage, ohne dass sie mir aufgefallen ist: trifft eine Übersetzung zu? Was mache ich mit Unübersetzbarem? Ich erwische mich dabei, etwas in einer anderen Sprache zu sagen, weil mir das gerade näher ist oder ein bestimmtes Gefühl ausdrückt. Oder dass ich Filme gern in Originalsprache sehe bzw. höre, weil das Fremde darin nicht angepaßt wurde, sondern näher am jeweils Anderen bleibt, das ich kennenlernen will und das mich reizt.
Ebenso interessiert mich, wie das mit dem ‚Übersetzen‘ innerhalb einer Sprache ist: wenn ich etwas mit anderen Worten sage. Und so wie ich aufgewachsen bin, gehörte das ‚Übersetzen‘ sowieso dazu. Die Kunst bestand darin zu verstehen, was nicht gesagt wurde und was mit bestimmten Ausdrücken gemeint war.

Natürlich spielt hier auch Musik eine Rolle, unübersetzbar par excellence. Ich sehe auch Musik als eine Art Sprache, zumindest in einem großen Anteil. Die inneren logischen Strukturen von Musik haben Ähnlichkeiten mit einer grammatischen Ordnung, die die Beziehungen zwischen den „Lauten“ erfaßbar macht und ihrer logischen und sinnbezogenen Entwicklung dient. Selbstverständlich würde ich nicht von einer einzigen, „universellen“ Sprache der Musik sprechen. Die Unterschiede – historisch, kulturell und personell – sind zu groß dafür, es sind verschiedene Sprachen. Dass Musik ebenfalls vielsprachig ist, macht sie noch einmal interessanter: „languages“!

Und tatsächlich denke ich nicht nur im Hin und Her von verbalen Sprachen, sondern auch die musikalische Sprache ist Teil des switchenden Surfens durch die Morphologien des Sprechens. Aber ist das noch Übersetzen?

Ich finde diese Phänomene in verschiedenen Facetten unter den Begriffen Translingualismus oder – als Variante – Translanguaging beschrieben.

Im Translingualismus geht es um die nahezu ständigen Momente von Unübersetzbarkeit, in denen es kein kongruentes Wort in der Zielsprache gibt: hier wird anstelle der „Übersetzung“ der Begriff des „hypothetischen Äquivalents“ vorgeschlagen. (Susan Bassnett, 1980. Translation Studies. London & New York: routledge.) Das heißt, dass die Bedeutung von Wörtern nicht einfach gegeben ist, sondern dass sie auf Aushandlungsprozessen beruhen (Lydia H. Liu, 1995. Stanford).
Machtverhältnisse werden so bestätigt oder in Frage gestellt, das ist ein wichtiger Aspekt dabei.

Vor allem aber: Es gibt einen Weg jenseits des oft unzutreffenden wie kolonialisierenden Diktats übersetzter Wörter, zwischen den oft subtilen Bedeutungsnuancen und Assoziationen vertrauter Wörter und der so andersartigen Welt der anderen Sprache: Ein Sprechen im Versuch, Äquivalente zu finden und zu probieren und sich in den Prozess des Aushandelns zu begeben, der ein Prozess gegenseitigen Kennen- und Verstehenlernens ist.

Musik in ihrer Ganzheit dürfte unübersetzbar bleiben. Als musikalische Sprache wird sie möglicherweise über die Erfahrungen mit ihr und in ihren (sprachlichen) Merkmalen beschreibbar sein, wofür das Modell von hypothetischen Äquivalenten das Werkzeug sein könnte.

Im anderen, im Translanguaging, geht es darum, das Erlernen von Sprachen vom einzelnen Menschen aus zu verstehen.
Ofelia Garcìa (2015. Frankfurt: ZMI) geht davon aus, dass Menschen ein inneres, ungeteiltes Sprachsystem entwickeln, eine „mentale Grammatik“. Dass sie nicht „mehrere Einsprachige“ in einer Person sind, sondern eine vielsprachige Person. Denn Menschen entscheiden sehr genau, in welcher Situation sie in welcher Sprache was und wie sagen. Enthält das sinnvolle Switchen von einer Sprache in eine andere schon einen inhärenten, persönlichen Übersetzungsprozess am Rande des Unübersetzbaren?
In diesem Ansatz liegt sympathisch nahe, dass die fremde Sprache und das Sprechen mit ihr zur eigenen Sprache wird.

Beide Ansätze bieten Modelle des Umgangs mit Mehrsprachigkeit an, des fairen und respektvollen Umgangs mit dem Unterschied per se – zwischen der Würdigung des ganz Eigenen und der Notwendigkeit von sprachlicher Überbrückung und Verständigung. Das macht ihren Reiz als Beitrag zu einem musikalischen Programm aus: languages!

Eine letzte Notiz daher zu diesen Blog-Seiten: da es im Miteinander und Nebeneinander von Sprachen in ihren unterschiedlichen Lesarten und Empfindungen Differenzen gibt, wird hier eine englische Version auf der gleichen Seite angeboten (oder andersherum), um die sprachlichen Bereiche nicht zu separieren. So wird es jedem einfacher möglich sein, von einer Version zur anderen zu gehen und sich so evtl. das Gemeinte besser erschließen zu können. Einschließlich der Frage, um was für Musik es sich wohl handeln wird. Und vielleicht kommt noch die eine oder andere Sprache hinzu.

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While dealing with „languages“, a contradiction has become more and more interesting to me. It is a paradoxical relationship between closeness to one’s own language, an approach to fascinating strangeness in other languages, and an in-between that arises in multilingualism.

What is the difference between „Sprachen“ and „languages“? For me, „languages“ is a word from a so-called foreign language. But is it that, a foreign language, when I use it to express something? I use it to say – apart from the plural – already by the German word not used: it is about multilingualism.

For some time now, a question has accompanied me in a very practical way, without my noticing it: Does a translation match? What do I do with the untranslatable? I catch myself saying something in another language because it’s closer to me or expresses a certain feeling. Or that I like to watch or listen to films in the original language, because the foreign in it has not been adapted, but remains closer to the respective other, which I want to get to know, which fascinates me.
Equally interesting to me is how it is with ‚translating‘ within a language: when I say something in other words. And the way I grew up, ‚translating‘ was part of it anyway. The art was to understand what was not said and what was meant by certain expressions.

Of course, music also plays a role here, untranslatable par excellence. I also see music as a kind of language, at least in a large part. The inner logical structures of music have similarities with a grammatical order, which makes the relations between the „sounds“ comprehensible and serves their logical and sense-related development. Of course, I would not speak of one single, „universal“ language of music. The differences – historical, cultural and personal – are too big for that, there are different languages.
The fact that music is also multilingual makes it even more interesting: languages.
And indeed, I think not only in the back and forth of verbal languages, but musical language is also part of the switching surfing through the morphologies of speech. But is that still translation?

I find these phenomena described in various facets under the terms translingualism or, as a variant, translanguaging.

The first is about the almost perpetual moments of untranslatability in which there is no congruent word in the target language: here, instead of „translation,“ the notion of „hypothetical equivalent“ is proposed. (Susan Bassnett, 1980. Translation Studies. London & New York: routledge.) This implies that the meaning of words is not simply given, but is based on negotiation processes. (Lydia H. Liu, 1995. Stanford) Power relations are confirmed or challenged in this way, which is an important aspect of it.

But above all: there is a way beyond the often inaccurate as well as colonizing dictates of translated words, between the often subtle nuances of meaning and associations of familiar words and the so different world of the other language: a speaking in the attempt to find and try out equivalents and to enter into the process of negotiation, which is a process of learning to know and understand each other.
Music in its wholeness is likely to remain untranslatable. As a musical language, it will possibly be describable through experiences with it and in its (linguistic) characteristics, for which the model of hypothetical equivalents could be the tool.

The other, translanguaging, is about understanding language learning from the individual.
Ofelia Garcìa (2015. Frankfurt: ZMI) assumes that people develop an internal, undivided language system, a „mental grammar.“ That they are not „several monolinguals“ in one person, but one multilingual person. Because people decide very precisely in which situation they say what and how in which language.
Does the meaningful switching from one language to another already include an inherent, personal translation process on the edge of the untranslatable?
In this approach, it is sympathetically obvious that the foreign language and speaking with it becomes one’s own language.

Both approaches offer models of dealing with multilingualism, of dealing fairly and respectfully with difference per se – between the appreciation of the very own and the need for linguistic bridging and understanding. This is what makes them so appealing as a contribution to a musical program: languages!

A last note therefore to these blog pages: as there are differences in the coexistence of languages in their different readings and sensibilities, an English version is offered here on the same page (or the other way around) to avoid separating the linguistic areas. This way it will be easier for everyone to go from one version to the other and possibly to get a better understanding of what is meant. Including the question, what kind of music it will be. And maybe one or the other language will be added.

Friedemann Stolte

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Recommended and used literature:

Esther Kinky (2013): »FREMD SPRECHEN«. Berlin: Matthes & Seitz

Susan Bassnett (1980): »translation STUDIES«.
London & New York: routledge.

Liu, Lydia H. (1995): The Problem of Language in Cross-Cultural Studies. In: Translingual Practice. Stanford: Stanford University Press
https://books.google.de/books?id=h5e8Za8sEJAC&pg=PA1&hl=de&source=gbs_toc_r&cad=3#v=onepage&q&f=false

Interview mit Ofelia Garcìa / Interview und Übersetzung Heinemann, K.-H., ( 2015). Abschied nehmen von der „reinen Sprache“. Frankfurt : ZMI
https://www.zmi-koeln.de/2020/04/11/abschied-nehmen-von-der-reinen-sprache-interview-mit-prof-ofelia-garcia-gastprofessorin-an-der-universitaet-zu-koeln-ueber-translingualismus/